Abstracts
(in alphabetischer Reihenfolge)

Dr. Antonius Baehr-Oliva (Hamburg):
»(Re-)Claiming von Mehrfachzugehörigkeit
im Deutsch-Rap«

Als wohl populärste Form der deutschen Gegenwartslyrik zählt Rap zu den gewichtigsten künstlerischen Ausdrucksformen in vielfältigen, zuweilen politischen Diskursen, auch und besonders im postmigrantischen Rezeptionsmilieu. Der Beitrag widmet sich deshalb Raptexten, in denen diffamierende oder distanzierende Fremdzuschreibungen, Marginalisierungen und eurozentrische Heterogenisierungsphantasien beschrieben und oppositioniert werden, um gesellschaftliche Partizipation zu beanspruchen bzw. zu reclaimen.
In vier zusammenhängenden ›dichten Lektüren‹ sollen mit einem literaturwissenschaftlichen, teils komparatistischen Forschungsansatz exemplarische Texte von 1992 bis 2019 mit ihren Begleittexten (d.h. Remixes oder Vorlagen) in den Blick genommen werden, um vier verschiedene Strategien des Reclaimings darzustellen. Gezeigt werden soll, wie erstens Advanced Chemistry mit Fremd im eigenen Land (1992) lyrisch die Solidarisierung von Menschen mit unterschiedlichen Migrationshistorien forcieren, die 2008 von Fler mit seinem gleichnamigen Album und der dahinterstehenden nationalistischen Fangemeinde umcodiert, von Nazar im ebenfalls gleichnamigen Lied dagegen jedoch wieder eingefordert wird. Zweitens soll am Beispiel von Samy Deluxes Lied Mimimi (2016) dargestellt werden, wie er Ausländerfeindlichkeit und Angst vor Fremdem onomatopoetisch ironisiert und diese Ironisierung im Remix mit Afrob, Eko Fresh und MoTrip erweitert. Drittens aktualisiert Eko Freshs deutsche Adaption Aber (2018) den auf Konfrontation zielenden Text von Joyner Lucas’ I’m not Racist (2017), indem er den bei Joyner Lucas zwischen Afro-Amerikanern und weißen Rassisten beschriebenen Dialog auf Muslime und Islamophobe in Deutschland überträgt. Viertens soll schließlich gezeigt werden, wie Afrob sich in Flüchling4Life (2019) das Narrativ über Deutsche mit Migrationsgeschichte neu aneignet und den Rückbezug auf das Versagen der deutschen Migrationspolitik auch in vorangehenden Dekaden und besonders vor der Migration seit 2015.
Gemeinsam ist allen Texten, dass sie Stereotype und Vorurteile sichtbar machen und dadurch eigener Identitäts- und Rollenzuschreibungen in einem Diskursbereich, dem Deutsch-Rap, reclaimen. Überdies können die vier Einzelstudien jedoch zeigen, dass postmigrantische Diskurse nicht allein zur Aneignung dienen, sondern das Reclaiming oft durch (intertextuelle) Aneignungsprozesse geschieht.

Antonius Baehr-Oliva studierte Germanistik und Anglistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br., wo er im März 2019 seine Dissertation Venus-Dichtungen im deutschen Barock (1624-1700). Mythenkorrekturen und Transformationen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. verteidigte (Publikation 2020 bei de Gruyter, Reihe »Frühe Neuzeit«). Seit August 2019 ist er in Hamburg als Lehrer im Vorbereitungsdienst an der Stadtteilschule Eppendorf angestellt und lehrt zudem am Institut für Bewegungswissenschaften an der Universität Hamburg. Forschungsschwerpunkte: Antike- und Mythenrezeption, Komparatistik, Lyrik, Barock, Liedforschung.

Dr. Luisa Banki (Bergische Universität Wuppertal):
»Herkunft als Erinnerung. Geschichte und Gegenwart in Texten deutscher jüdischer Gegenwartsliteratur«

Deutschsprachige jüdische Literatur war stets transkulturelle Literatur, wenn man darunter Literatur versteht, die von Autor*innen geschrieben wird, die am kulturellen und/oder sprachlichen Reservoir mehrerer Kulturen Anteil haben. Gegenwärtig ist deutsche jüdische Literatur zu großen Teilen migrantische Literatur. Dadurch hat sich, was bis vor Kurzem noch als Spannungsfeld einer »negativen Symbiose« (Dan Diner) beschrieben werden konnte, zu einem heterogenen literarischen Feld gewandelt. In meinem Vortrag möchte ich zwei Tendenzen der deutschen jüdischen Gegenwartsliteratur diskutieren: Zum einen – anhand von Mirna Funks Roman Winternähe (2015) – die Aktualisierung der negativen »Verklammerung« von ›deutsch‹ und ›jüdisch‹ im Schreiben der dritten Generation; zum anderen – anhand von Marina Frenks Roman ewig her und gar nicht wahr (2020) – die Literarisierung »multidirektionalen« Erinnerns (Michael Rothberg) in einer polyphonen Familienbiographie. In beiden Fällen werden Selbstentwürfe mit Erinnerungsarbeit verknüpft, was ich mit der Denkfigur von Herkunft als Erinnerung beschreibbar machen und zur Diskussion stellen möchte.

Luisa Banki ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Literaturwissenschaft und Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie studierte Komparatistik und Anglistik in München, Jüdische Studien in Oxford und Europäische Literaturen in Berlin und wurde in Konstanz als Stipendiatin des DFG-Graduiertenkollegs »Das Reale in der Kultur der Moderne« mit der Arbeit Post-Katastrophische Poetik. Zu W. G. Sebald und Walter Benjamin promoviert. Gegenwärtig arbeitet sie an einem Projekt zu Konzeptionen weiblicher Lektüre um 1800 und leitet das DFG-Netzwerk »3G. Positionen der dritten Generation nach Zweitem Weltkrieg und Shoah in Literatur und Künsten der Gegenwart«. 

Ewelina Benbenek (Berlin):
»Widerständige Poetik des Postmigrantischen in Theatertexten des 21. Jahrhunderts«

Die Theaterwissenschaftlerin Azadeh Sharifi macht in ihrer Forschung darauf aufmerksam, dass postmigrantisches Theater keinesfalls eine Neuerfindung der letzten 15 Jahre ist, sondern dass es, wenn auch in einer Off-Szene, seit der Nachkriegszeit existiert hat und bis heute existiert. In eine etabliertere deutschsprachige Theaterlandschaft sind postmigrantische Künste, Themen und Strukturen jedoch vor allem über die Intendanzen Shermin Langhoffs (Ballhaus Naunynstraße 2008 bis 2013 und Maxim Gorki Theater seit 2013) eingewandert.
Der Begriff des Postmigrantischen wurde jedoch nicht nur über das Theater etabliert, sondern auch über kritische Migrationsforschung. Dabei impliziert eine postmigrantische Perspektive, dass eine kritische Auseinandersetzung mit deutscher Migrationsgeschichte ab 1945 und ihren strukturellen Folgen praktiziert wird.
Der kritische Blick auf deutsche Migrationsdiskurse ist auch ein Teilaspekt von Langhoffs Theateragenda. In der Umsetzung bedeutet dies nicht nur, dass postmigrantische Themen auf das Programm gesetzt und künstlerisch gefördert werden, sondern auch, dass vom Ensemble, über die Dramaturgie bis hin zum Kantinenpersonal das Haus mit Menschen besetzt wird, die über postmigrantisches Lebenswissen verfügen. Dies gilt auch für die Autor*innen, die im Umfeld des Ballhaus Naunynstraße oder des Maxim Gorki Theaters gefördert wurden und sich in einer deutschsprachigen Literaturszene etablieren konnten. Darunter zählen beispielsweise Autor*innen wie Sasha Marianna Salzmann und Necati Öziri.
Azadeh Sharifi macht darauf aufmerksam, dass Postmigrantisches Theater, auch noch unter den Intendanzen Langhoffs, stark auf seine migrantischen Themen hin rezipiert wurde und dass das Label »migrantisch« oft gleichgesetzt wurde mit Kunst, die von »Amateuren und Laien« komme. [1] Dies bezieht sich auch auf die Rezeption der Theatertexte, die im Umfeld des postmigrantischen Theaters entstanden sind. Auch diese schienen in einer deutschsprachigen Literaturszene ihre Legitimität vor allem darüber zu erhalten, dass sie migrantische Themen verhandelten.
Dieser Vortrag schließt an diese Debatten an, indem hier Theatertexte gelesen werden, die im Kontext des postmigrantischen Theaters produziert wurden – und dies nicht nur auf jene Themen hin, die die Texte verhandeln, sondern vor allem mit dem Fokus auf die poetologischen Verfahren der Texte. Zum einen soll dadurch offengelegt werden, dass in der Rezeption dieser Theatertexte ihre poetologischen Dimensionen überwiegend unbeachtet blieben. Zum anderen möchte dieser Beitrag anhand von beispielhaften Auszügen zeigen, dass sich über die poetologischen Verfahren dieser Theatertexte eine Widerständigkeit lesen lässt, die eine postmigrantische Kritik vollzieht.

[1] Interview mit Azadeh Sharifi geführt von Julian Warner: »Vom Schreien und Brüllen oder eine andere Theatergeschichte Schreiben«, in: Elisa Liepsch / Julian Warner / Matthias Pees (Hg.): Allianzen. Kritische Praxis an weißen Institutionen, Bielefeld 2018, S. 60-71, hier S. 63.

Ewelina Benbenek ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Sie studierte Kulturwissenschaften und Politikwissenschaften an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt Oder und am University College London sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Erfurt. Von 2013 bis 2014 war sie Stipendiatin des DFG-Graduiertenkollegs »Mediale Historiographien« und von 2014 bis 2019 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Neuere deutsche Literatur/Theaterforschung an der Universität Hamburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen postmigrantische und postkoloniale Diskurse im Theater, in der Performancekunst und der Gegenwartsdramatik. Aktuell arbeitet sie an einem Dissertationsprojekt zur »Widerständigen Poetik des Postmigrantischen in Theatertexten des 21. Jahrhunderts«.

Berlin Busters Social Club:
»Veränderte Werbung als Gesellschaftskritik?«

  1. Was ist Werbung?
    Anhand marxistischer Theorie wird eingangs die Funktion von Werbung im Kapitalismus erklärt.
  2. Was macht Adbusting mit der Werbung?
    Anhand von Adbustings zeigenden Fotografien wird dargelegt, wie sexistische und koloniale Vorstellungen in der Werbung repräsentiert und verfremdet werden. Dabei kommt auch der kritische Blick auf die Möglichkeiten und Beschränkungen der Aktionsformen nicht zu kurz.
  3. Weitere Strategien der Aneignung von anti-emanzipatorischen Repräsentationen im öffentlichen Raum
    Hier wird aktivistischer Schabernack mit Denkmälern und was sonst noch so alles im öffentlichen Raum herumsteht präsentiert.

Adbustian Bustefka und Boris Adbuster vom Berlin Busters Social Club sind Teil einer Gruppe von Enthusiast*innen, die Mythen, Legenden und Geschichten aus der Kommunikationsguerilla sammeln und kuratieren. Sie sind gerade dabei, ihre Bildersammlung von Adbustings aus Berlin für ökonomische und akademische Karrieren in Wert zu setzen. 2020 erschien ihr Buch Unerhört. Adbusting gegen die Gesamtscheiße in der zweiten Auflage im Unrast-Verlag. 2019 haben sie ca. 80 Veranstaltungen durchgeführt, u.a. an der Bauhaus-Uni Weimar, Alpen-Adria-Uni Klagenfurt, Uni Zürich, Linken Medienakademie und Evangelischen Wittenbergstiftung.

Prof. Dr. Kristin Bührig (Universität Hamburg):
»Reclaiming Agency: Sprache(n), Körper und Gesundheit«

Der Beitrag sucht die Bewegung zwischen den im Call for Papers genannten Bereichen »Sprache, Literatur, (Soziale) Medien« und »Körper, Kultur, Religion«, indem der öffentliche und wissenschaftliche Diskurs über Körper und Krankheit konfrontiert werden mit den Stimmen von Akteur*innen aus dem Gesundheitsbereich. Konkret geht es um Diabetes Mellitus II und um den Umgang mit dieser Erkrankung, der durch weitreichende Ein- und Übergriffe in und auf den Alltag der Betroffenen und ihr Selbstbild gekennzeichnet ist. Welche Rolle Forschung im Sinne eines »reclaiming agency« spielen kann, sei im Rahmen einer rekonstruktiven Analyse von Gesprächsdaten diskutiert.

Kristin Bührig ist Professorin für Germanistische Linguistik mit dem Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Zweitsprache an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Erforschung der institutionellen und mehrsprachigen Kommunikation, vor allem mit Blick auf Fragen der medizinischen Versorgung.

Dr. Rahel Cramer (Macquarie University Sydney):
»›Bringing marginalized voices to the center‹. Identität, Sprache und Stadt in Narrativen mehrsprachiger Autor*innen Western Sydneys«

Dieses Paper widmet sich den Texten einer Gruppe von Schriftsteller*innen, die sich im Australischen Western Sydney der Förderung und Hervorhebung der Stimmen marginalisierter Individuen und Gruppen widmet: sweatshop. Die Studie untersucht, wie Identität, Sprache und urbane Räume in den Narrativen dieser Schriftsteller*innen repräsentiert werden. Dieser Fragestellung geht die Beobachtung voraus, dass kulturelle und linguistische Diversität in Australien trotz ihrer weiten Anerkennung als soziales Gut häufig als Ausgangspunkt für die Problematisierung bestimmter Personengruppen und urbaner Kontexte dient. Solch defizitorientierten Diskursen setzen sich die im Fokus stehenden Schriftsteller*innen entgegen, indem sie neue Perspektiven bezüglich Identität, Sprache und bestimmter Stadtteile aufzeigen. Ihre Texte können somit als besondere Form des postmigrantischen Widerstandes identifiziert werden.
Neben einem Beitrag zur Erforschung von Diversitäts- und Identitätsdiskursen, leistet diese Studie einen ergänzenden Ansatz zur Postmigrationsforschung und zu methodologischem Kosmopolitismus, indem sie eine postmigrantische Perspektive in einem neuen Kontext – Australien – anwendet und einen Perspektivwechsel von mehrheitsgesellschaftlichen zu marginalisierten Diskursen vollzieht.

Rahel Cramer ist angebunden an das Institut für Linguistik der Macquarie University Sydney. Nach einem Studium der Erziehungs- und Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg und der Griffith University Brisbane absolvierte sie ihre Promotion an der Macquarie University Sydney in der Soziolinguistik zu dem Thema Nationalism in Business Discourses (2019) unter Trägerschaft des International Macquarie University Research Excellence Scholarship. Sie forschte und lehrte an der University of Calgary, Griffith University Brisbane und Macquarie University Sydney in der Germanistik und der Linguistik.

Dr. Max Czollek (Berlin):
Gegenwartsbewältigung

Max Czollek studierte Politikwissenschaften und promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin sowie am Birkbeck College der University of London. Heute ist er als Essayist und Lyriker tätig. Czollek ist Mitglied des Lyrikkollektivs G13 und Mitherausgeber der Zeitschrift Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart. Gemeinsam mit Sasha Marianna Salzmann kuratierte er 2016 den »Desintegrationskongress« und 2017 die »Radikalen Jüdischen Kulturtage« am Berliner Maxim Gorki Theater. Seit Publikation seiner Streitschrift Desintegriert Euch! (2018), die dazu aufruft, sich der Forderung nach Integration entgegenzustellen, und die die Rolle der Jüdinnen und Juden in der deutschen Erinnerungskultur dekonstruiert, ist er in aller Munde. In seinem 2019 veröffentlichten Gedichtband Grenzwerte widmete er sich der Gegenwartsbewältigung in lyrischer Form, im Sommer 2020 erscheint nun eine essayistische Schrift mit diesem Titel: In Gegenwartsbewältigung, woraus Czollek am ersten Tagungstag liest, geht er den Fragen nach, wie die Gesellschaft sich wandeln muss, damit Menschen gleichermaßen Solidarität erfahren, und wie in einer fragmentierten Welt die gemeinsame Verteidigung der pluralen Demokratie gelingen kann.

Fabienne Fecht (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg):
»Leonie Böhms Die Räuberinnen als feministisch-subversive ›Klassiker‹-Aneignung«

Klassiker-Transformationen werden als künstlerischer Ausdruck einer von Krisen geprägten Zeit im Gegenwartstheater vielfach dazu genutzt, Autoritäten und hegemoniale Strukturen auf der Folie kanonisierter Stoffe zu hinterfragen, indem sie die darin propagierten Werte und Traditionen dekonstruieren und in neue Sinnzusammenhänge stellen. Dabei kommen oft auch marginalisierte Stimmen zu Wort, die in einem westlich und männlich geprägten Literaturkanon sonst keine Berücksichtigung finden. In diesem Sinne sind solche Transformationsprozesse als subversiver Akt und als Absage an traditionell vorherrschende Deutungsmuster und deren hegemoniale Diskurse zu verstehen. 
Unter dieser Prämisse wird Leonie Böhms Inszenierung Die Räuberinnen (2019) exemplarisch für die weibliche ré-écriture eines ›Klassikers‹ des bürgerlich und patriarchal geprägten Literaturkanons untersucht und auf ihr feministisch-subversives Potential überprüft. In der Inszenierung erfolgt nicht nur eine Aneignung des kanonischen Stoffs, sondern auch ein ›Reclaiming‹ der Deutungshoheit über den eigenen, den weiblichen Körper; Subversion kann im Falle der Räuberinnen also besonders gendertheoretisch verstanden werden. Zugleich stellt sich Böhm mit der Auswahl gerade dieses ersten Stückes von Schiller in eine Tradition des provokanten, gegen Autoritäten rebellierenden Theaters und transportiert diesen Impetus über Form und Inhalt ihrer Inszenierung in die Gegenwart. 
Bei der Analyse stehen deswegen folgende Leitfragen im Fokus: Wo sind Klassiker-Transformationen wie Die Räuberinnen im Spannungsfeld zwischen Affirmation und Subversion bzw. zwischen »Rekonstruktion, Dekonstruktion und Transformation« [1] des Prätextes zu verorten? Auf welche Art und Weise werden ›postdramatische‹ Theatermittel eingesetzt, um den kanonischen Prätext zu dekonstruieren? Inwiefern stellen Die Räuberinnen also gerade als Klassiker-Transformation eine Kritik an überlieferten Werten und – in Anlehnung an Zimmermanns Studie, deren herausgearbeitete Anhaltspunkte zur Reflexion von Kritik auch für die Untersuchung von Leonie Böhms Inszenierung fruchtbar gemacht werden können – vor allem eine ›Kritik der Geschlechterordnung‹ dar? 

[1] Andrea Maria Zimmermann: Kritik der Geschlechterordnung. Selbst-, Liebes- und Familienverhältnisse im Theater der Gegenwart, Bielefeld 2017, S. 291f. 

Fabienne Fecht promoviert mit einem Stipendium der Rosa-Luxemburg-Stiftung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Fach Allgemeine und Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft zu Transformationen des dramatischen Kanons als politisches Gegenwartstheater. Sie arbeitet in freien Kultur- und Theater-Projekten und hatte im Sommersemester 2019 einen Lehrauftrag zu dokumentarischer Performance am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg inne. 

Felix Lempp (Universität Hamburg):
»›Not here at all? We are here!‹ Theatrale Raumaneignung in Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen«

Elfriede Jelineks Theaterstück Die Schutzbefohlenen (2013) kann mit Blick auf die vergangenen Spielzeiten allenthalben als Text der Stunde gelten. Verfasst anlässlich der Votivkirchen-Proteste von Geflüchteten in Wien (2012/13) erfuhr er angesichts der Zunahme von in der EU gestellten Asylanträgen 2015/16 besondere Aktualität und stand nach seiner theatralen Erstinszenierung durch Nicolas Stemann (2014) auf den Spielplänen vieler deutschsprachiger Bühnen. Die Probleme, vor die Jelineks heterogene Textfläche, die immer wieder unzutreffend als Stimme eines »Geflüchteten-Chors« gedeutet wird, die Theaterpraxis stellt, betreffen auch Fragen der Repräsentation: Wen lässt das Theater zu Wort kommen, wenn in Jelineks Text in der ersten Person Plural von Fluchterfahrungen und Unmöglichkeiten des Ankommens im neuen Land berichtet wird?
Der Vortrag wird sich diesen Repräsentationsproblemen aus einer spatialen Perspektive annähern, indem er danach fragt, wie Text und Inszenierung Geflüchteten Platz und Sichtbarkeit ein-räumen oder, im Gegenteil, verweigern: Denn während Jelineks Stück mit einem desillusionierten »Wir sind gekommen, doch wir sind gar nicht da« endet, erobert sich der Geflüchteten-Chor in Stemanns Inszenierung geradezu programmatisch theatrale Eigen-Räume. In aktivistischer Opposition zu Jelineks Textabschluss skandiert er selbstbewusst: »Not here at all? We are here! And we will stay!« Und doch stellt sich die Frage, inwiefern die inszenierte Handlungsmacht der Geflüchteten im theatralen Bühnenraum zu ihrer Sichtbarkeit im Stadtraum beiträgt. Am Beispiel von Stemanns Schutzbefohlenen-Inszenierung am Thalia Theater gerät so das politische Potenzial des Stadttheaters jenseits der Heterotopie seines Bühnenraums in den Blick.

Felix Lempp studierte in Eichstätt (Erstes Staatsexamen für Lehramt Gymnasium) und Freiburg im Breisgau (Master of Arts) Germanistik, Geschichte und Theaterpädagogik. Im Anschluss war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Arbeitsstelle Interkulturelle Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg. Sein Promotionsprojekt zu Verräumlichungsstrategien im Gegenwartstheater wird von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. Er forscht u.a. zum deutschsprachigen Drama und Theater seit dem 18. Jahrhundert, zu interkultureller Literatur und literarischen wie theatralen Raumkonzepten.

Stefan Maier (Technische Universität Dresden):
»Sprachliches Reclaiming als zivilgesellschaftliche Präventionsmaßnahmen. Ein Beispiel aus dem DaZ-Literaturunterricht«

Rechter Terror gehört seit mehr als zwei Jahrzehnten zu unserem Alltag, wie die Taten des NSU (1999-2007), von Anders Behring Breivik (2011), Thomas Mair (2016), Brenton Tarrant (2019), Stephan Ernst (2019), Stephan Balliet (2020) und Tobias Rathjen (2020) beispielhaft zeigen. All diesen nicht von Einzeltäter*innen begangenen Morden und Anschlägen liegen menschenverachtende (neu-)rechte Ideologien zu Grunde, die nicht allein den Rändern der Gesellschaft eigen, sondern ebenso in der Mitte z.B. der bundesdeutschen Gesellschaft anzutreffen sind. Es sind Ansätze, die Personen mittels struktureller Zuschreibungen ihre Rechte entziehen, ihnen sogar ihr Menschsein absprechen. Und entsprechend ironisch ist es, dass der Kampf gegen Extremismus und Radikalisierung mit sicherheitspolitischen Präventionsmaßnahmen, die von Einschränkungen der Grundrechte begleitet werden, geführt wird. Prävention muss in erster Linie zivilgesellschaftlich erfolgen, lautet die Prämisse meines Vortrags, der zeigen will, wie sich Einstellungen und Haltungen, die alle Menschen in unserem Land betreffen, mit pädagogischen Interventionen begegnen lässt. 
Mit Blick auf ein sprachliches Reclaiming fragt der Vortrag nach dem Potenzial pädagogischer Interventionen im DaZ-Literaturunterricht sowie des subjektivierungskritischen Literaturunterrichts (Dirim/Eder/Springsits 2013; Schweiger 2014) für die Sichtbarwerdung und Stärkung marginalisierter Personen und Gruppen. Der Vortrag führt vor, wie jüngere Ansätze im Fachbereich DaF/DaZ zur postmigrantischen Aneignung von Diskursen beitragen können, wenn sie den Erwerb von symbolischer Kompetenz (Kramsch 2006), von Diskursfähigkeit (Hallet 2008) sowie eines kompetenten Umgangs mit textueller Literarizität und ästhetischer Medialität (Dobstadt/Riedner 2016) in den Blick nehmen. Ein Unterrichtsvorschlag zu Max Czolleks Desintegriert Euch! (2018) exemplifiziert das Vorgehen.

Stefan Maier, B.Ed., Student im Lehramt an der Technischen Universität Dresden und Sprachlehrer. Fachliche Interessen im Hinblick auf DaF und DaZ: Ästhetik, Partizipation, Motivationsforschung.

Johanna Munzel (Justus-Liebig-Universität Gießen):
»A Place of Postcolonial Resistance in the Centre. The Maxim Gorki Theatre in Berlin«

In my presentation I want to show first results of my empirical research at the Maxim Gorki Theatre in Berlin. 
Being the first German state theatre with a female director with Turkish migrant background, Shermin Langhoff and her artistic team represent society’s diversity on stage with queer, feminist and people of colour perspectives that have previously been marginalised and silenced by the white and male dominated German state theatre system. Germany’s self-proclaimed first post-migrant theatre wants to enable marginalised perspectives a space of self-representation against the backdrop of structural racism.
My research focuses on how marginalised subject positions are being represented in Maxim Gorki Theatre and what artistic and aesthetic strategies are put into practice to resist hegemonic norms of belonging to Germany’s society. I am currently conducting guided interviews with different members of the artistic team such as playwrights, dramaturgs and directors, actresses and actors and analyse performances and stage plays with a phenomenological approach. I hereby focus especially on classical stage plays by canonical authors such as Heinrich von Kleist or William Shakespeare to see which dramaturgical practices are implemented to give space to non-Western epistemologies and subaltern perspectives. My theoretical background lies in postcolonial, queer and feminist theory, drawing on the works of Stuart Hall, Homi K. Bhabha and Sylvia Wynter among others. 
The aim of my presentation is to show first empirical results that reveal strategies of postcolonial resistance against racism, sexism and homophobia by Maxim Gorki Theatre’s artistic team. 

Johanna Munzel: I am a 2nd year PhD candidate at the Institute of Applied Theatre Studies and member of the International Graduate Centre for the Study of Culture at Justus-Liebig-University Giessen. I completed a Master of Arts in Migration and Diversity Studies at University of Kiel with a focus on Turkish Language and Islamic Studies and spent one year as an Erasmus Student at Marmara University, Istanbul. I hold a Bachelor of Arts in Educational and Political Sciences from Halle-Wittenberg University. I have various long and short term work experiences in non-profit organizations in Germany and Turkey with a focus on human rights, intercultural understanding and social work. 

Elizabeth Pich (Saarbrücken):
Fungirl

Elizabeth Pich, Comiczeichnerin (https://elizabethpich.com), liest am zweiten Konferenztag aus ihrem Comic Fungirl. Pich wurde in Deutschland geboren, wuchs in den Vereinigten Staaten auf und lebt und arbeitet nun in Saarbrücken. Sie studierte Informatik an der Universität des Saarlandes und Kommunikationsdesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, wo sie später selbst dozierte. Sie ist Mitbegründerin des Comic Symposiums in Saarbrücken und erschuf bereits während ihrer Studienzeit zusammen mit Jonathan Kunz den Webcomic War and Peas (@war.and.peas), der wöchentlich erscheint. An ihrer Comicserie Fungirl (@fffungirl) arbeitet sie seit 2014. Im März 2020 erschien ihr erstes Buch War and Peas. Funny Comics For Dirty Lovers. Ihre Arbeiten wurden u.a. 2017 bei der Landeskunstausstellung Saar gezeigt. Im März 2019 gewann sie den vom Deutschen Bundesrat ausgerufenen »Comic Battle Föderal« für das Saarland.

Hanna Rinderle (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg):
»Blond und blauäugig? Diversifikation skandinavischer Gesellschaften und Kulturen durch postmigrantische Lyrik«

Trotz der eigenen kolonialen Vergangenheit haben die skandinavischen Länder, und unter ihnen in erster Linie Schweden, spätestens seit den 1960ern das Selbstbild von antikolonialen, antiimperialistischen und antirassistischen Nationen entwickelt, das sich auch in der Fremdwahrnehmung durchgesetzt hat. Die Etablierung der Sozialstaaten durch die sozialdemokratische Tradition bestätigt zusätzlich das Bild von Ländern, deren Bevölkerungen egalitärer sind als die anderer Nationen. Mit dieser Auffassung geht aber auch die Vorstellung von stark homogenen Gesellschaften in Skandinavien einher, die sich lange Zeit nicht als Einwanderungsländer verstanden und bereits bestehende Diversitäten negiert haben; so kämpfen beispielsweise die indigenen Sami nach wie vor um rechtliche, gesellschaftliche und kulturelle Anerkennung. Im Ausland spiegelt sich dieses Bild kultureller Eindimensionalität der nordischen Länder am deutlichsten im nach wie vor gängigen Stereotyp der blonden und blauäugigen Skandinavier_innen. 
Doch nicht nur die indigene Bevölkerung, insbesondere auch Migrant_innen und deren Nachkommen bekommen diese Vorstellung einer homogenen Gesellschaft und Kultur zu spüren; so wurden sowohl ihre Körper als auch ihre Stimmen lange Zeit kaum im skandinavischen Alltag und in der skandinavischen Kultur repräsentiert. Seit ein paar Jahren häufen sich jedoch literarische Publikationen postmigrantischer Autor_innen, die das Selbstverständnis skandinavischer Gesellschaften als egalitär und antirassistisch hinterfragen und Repräsentationen postmigrantischer Identitäten einfordern. Interessanterweise hat sich die Lyrik als bevorzugtes Genre dieser Gesellschaftskritik durchgesetzt und so wurde Yahya Hassans gleichnamiger Gedichtband zum meistverkauften Debüt in Dänemark. In Schweden hat beispielsweise Athena Farrokhzad mit ihrer Lyrik auf sich Aufmerksam gemacht, in Finnland Adrian Perera und in Norwegen Sumaya Jirde Ali.
In meinem Vortrag möchte ich diskutieren, welche literarischen und sprachlichen Strategien die oben genannten Autor_innen nutzen, um durch ihre Lyrik das Bild homogener weißer skandinavischer Gesellschaften aufzubrechen und eine Repräsentation postmigrantischer Identitäten einzufordern. Insbesondere im interdisziplinären Austausch wäre es interessant zu sehen, ob sich Spezifika in Bezug auf skandinavische postmigrantische Literatur und Lyrik zeigen, die sich durch das antirassistische und antikoloniale aber gleichzeitig auch homogene skandinavische Selbstbild erklären lassen. Außerdem lohnt sich sicherlich ein Blick über die Literatur hinaus, da die meisten der erwähnten Autor_innen auch auf sozialen Netzwerken aktiv sind und dort noch stärker eine körperliche Repräsentation einfordern. 

Hanna Rinderle: 2009-2016 Studium der Fächer Germanistik (HF), Geschichte (HF) und Schwedisch (NF) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; 2012-2013 Studium der Fächer Germanistik und Schwedisch an Stockholms Universität, Schweden; 2016 Staatsexamen mit einer Abschlussarbeit zu Gewalt und Interkulturalität bei Christian Kracht und Wolfgang Herrndorf; 2016-2017 Sprachassistentin für die Fächer Deutsch, Schwedisch und Schwedisch als Fremdsprache an der Wasaskola Tingsryd, Schweden; seit 2017 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Skandinavischen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; seit 2018 Promotionsstudentin im Fach Allgemeine und Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft mit einer Arbeit zu »Afrikabezügen in deutscher und schwedischer Migrations- und Fluchtliteratur ab 1990«. 

Anita Rotter (Universität Innsbruck):
»›Eins sage ich dir: Dieses -ic im Nachnamen behalte ich, weil die Leute sollen wissen, dass wir auch dazugehören.‹ Junge Frauen der postmigrantischen Generation klagen an«

In diesem Vortrag stehen die Narrationen und Diskurse junger Frauen, deren Großeltern im Zuge der bilateralen Anwerbeabkommen zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren als sogenannte ›Gastarbeiter_innen‹ nach Österreich kamen, im Mittelpunkt. Die Enkelkinder der Pionier_innen haben – im Gegensatz zu den Großeltern – in der Regel noch keine direkte (langfristige) Migrationserfahrung gemacht. Sie sind vor Ort, etwa in Wien oder in Innsbruck, geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden. Dennoch werden sie häufig zum Gegenstand pauschaler Vorurteile und Stigmatisierungen, erleben institutionelle Diskriminierungs- und Ungleichheitserfahrungen. Sie werden trotz der österreichischen Staatsangehörigkeit binär gedeutet sowie im nationalstaatlichen Diskurs als ›Andere‹ oder als ›Fremde‹ festgeschrieben. Dabei sind sie einheimisch und mehrheimisch zugleich und machen diese Tatsache anhand ihrer biografischen Narrationen und Artikulationen deutlich.
Die dominanten gesellschaftlichen Diskurse sind (noch) nationalstaatlich geprägt und fordern Homogenität und Eindeutigkeit, wenngleich Mobilität und Pluralität die alltagsweltliche Realität widerspiegeln und postmigrantische Familiengeschichten und Erfahrungen die lebensgeschichtliche Normalität abbilden. Die jungen Frauen der postmigrantischen Generation zeigen auf, dass sich ihre Biografien nicht auf Eindeutigkeit reduzieren oder einen einzigen Kontext beschränken lassen. Sie veranschaulichen vielmehr, dass eine Gesellschaft der Vielheit ohne die Komplexität und Mehrdeutigkeit postmigrantischer Lebensgeschichten nicht funktionieren kann. Die jungen Erwachsenen lernten, so demonstrieren es erste Ergebnisse aus dem laufenden Promotionsprojekt, mit negativen Erfahrungen z.B. im Bildungskontext umzugehen, sie umzudeuten und daraus widerständige Praktiken und Diskurse zu entwerfen. Ihnen gelingt es vielfach, neue Diskurse der sozialen, politischen und gesellschaftlichen Aneignung zu kreieren und diese durch zivilgesellschaftliche Aktionen, in denen veraltete Vorstellungen gesellschaftlicher Normalität öffentlichkeitswirksam entzaubert werden, sichtbar zu machen. In diesem Sinne lassen sich ihre Lebensentwürfe und -geschichten als postmigrantische Biografien und Geschichten des Widerstandes lesen.
Mittels einer postmigrantischen Leseart und anhand ausgewählter empirischer Beispiele rekonstruiere ich, wie aus der dritten Generation eine selbstbewusste und unabhängig agierende postmigrantische Generation wurde, die familiale Migrationserfahrungen mit eigenen biografischen Entwürfen, Diskursen, Positionen und Praktiken vereint.

Anita Rotter, M.A., seit 2018 Universitätsassistentin im Lehr- und Forschungsbereich Migration und Bildung am Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Innsbruck. Zuvor war sie Projektmitarbeiterin im Projekt »Gesichter der Migration«. Sie ist Kollegiatin des Doktoratskollegs »Dynamiken von Ungleichheit und Differenz im Zeitalter der Globalisierung« und promoviert zum Thema »Intergenerationale Artikulation familialer Migrationserfahrungen: postmigrantisch betrachtet« (Betreuer: Univ.-Prof. Dr. Erol Yildiz).

Miryam Schellbach (Leipzig):
»Die ›Schwurjungfrau‹ – Eine postmigrantische Trope?«

Mit Diversifizierung der Migrationsdiskurse in den Sozialwissenschaften geriet auch folgerichtig der literaturwissenschaftliche Untersuchungsgegenstand der ›Migrationsliteratur‹ in den Verdacht, zeitgenössische Schreibformen nicht ausreichend abzubilden. Die Kritik an einerseits einer allzu biografischen Perspektive auf die AutorInnen oder andererseits an dem missverständlichen Umgang mit literarischen Werken als bloße Auskunftsquellen oder Motivbündel von Flucht, Ankunft oder Integration mündete in der Forderung nach einem neuen Paradigma der Interpretation. Die soziologische Antwort darauf wiederum erfolgte mit dem Begriff der »postmigrantischen Perspektiven«, nämlich der Aufwertung und Sichtbarmachung migrantischer Erfahrungen, Wissensbestände, fragmentierter Lebensläufe und Vielsprachigkeiten fernab der Pathologisierung des Migrantischen als gesellschaftliche Ausnahme.
Wie aber verhält es sich mit den postmigrantischen Perspektiven in der literarischen Welt, im Roman, in der Lyrik oder im literarischen Essay? Das interpretatorische Interesse richtet sich auch hier folgerichtig nicht auf die AutorInnen, sondern auf Motive oder Formen der Narration, die sich selbst explizit in den Kontext des Postmigrantischen stellen. Das Auffinden und Interpretieren dieser spezifisch ›postmigrantischen Motive‹ ist eine literaturwissenschaftliche Aufgabe, deren Standards und Ansprüche noch zu klären sind. Anhand des Motivs der »Schwurjungfrauen« und dessen Bedeutung im Rahmen des literarischen Essaybandes Eiscafé Europa (2018) von Enis Maci, unterbreitet dieser Vortrag einen Vorschlag dafür, wie sich postmigrantische Motive und Tropen in Texten beschreiben lassen. In Albanien leben (noch) einige Dutzend »Schwurjungfrauen«, berichtet die Autorin. Es handelt sich um Frauen – Maci bezeichnet sie mit dem albanischen Namen »Burrneshë« –, die den Schwur der Enthaltsamkeit gegen männliche Privilegien eingetauscht haben. Durch den symbolischen Übertritt entgehen sie der Verheiratung oder treten das den Männern vorbehaltene, familiäre Erbe an. Bereits das Motiv an sich verschränkt Aspekte ineinander, die einem westlich fundierten Fortschrittsnarrativ entgegenstehen. Da ist einerseits die progressive Aufweichung starrer gesellschaftlicher Geschlechterrollen, das freie und selbstbestimmte Wechseln in die männliche Rolle, die so manchen mitteleuropäisch-westlichen Diskurs um Transgenderidentitäten inspirieren könnte. Da ist aber andererseits der Umstand, dass diese Transgression in patriarchalen und muslimisch geprägten Gemeinschafen vollzogen wird und dass sie zwingend mit einer Aufwertung der Jungfräulichkeit einher geht. Zu fragen ist weiterhin, wie Enis Maci das Motiv einsetzt, welche Narration sie wählt und inwiefern sie das eigene autobiografische Wissen einbezieht und dessen Vorhandensein kenntlich macht. Kann es gelingen, für die heterogenen postmigrantischen Perspektiven eine Entsprechung auf literarischer Ebene zu finden? Ein Prisma fragmentierter, polyphoner und rollen-negierender Schreibweisen?

Miryam Schellbach studierte Germanistik in Leipzig und ist derzeit Lektorin in einem Wissenschaftsverlag sowie Redakteurin der Literaturzeitschrift Edit. Papier für Neue Texte.

Dr. Sebastian Schirrmeister (Georg-August-Universität Göttingen):
»Re-Claiming German(y). Praktiken der Aneignung bei Deborah Feldman und Tomer Gardi«

Geraubtes Eigentum, aberkannte Staatsbürgerschaft, verlorene Sprache – es gibt viele Dinge, auf die die Kinder und Enkel der von NS-Deutschland vertriebenen und ermordeten Jüdinnen und Juden Anspruch erheben können. Mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Begegnung mit der deutschen Gegenwartsgesellschaft nicht selten geprägt durch eine komplexe Gemengelage aus individueller Erfahrung, kollektiver Erinnerung, der Auseinandersetzung mit ›geerbten‹ Ressentiments und der Suche nach gewaltsam abgetrennten, kulturellen Wurzeln. Mit Blick auf die Literarisierung solcher Aushandlungsprozesse weisen Tomer Gardis kurzer, sprachlich einzigartiger Roman broken german (2016) und Deborah Feldmans 700-seitiger, wohlgeordneter autobiografischer Bericht Überbitten (2017) trotz erheblicher formaler Unterschiede faszinierende Überschneidungen auf, die in einer verschränkten Lektüre der beiden Texte diskutiert werden sollen.

Sebastian Schirrmeister hat in Potsdam und Haifa Jüdische Studien und Germanistik studiert und in Hamburg über Verflechtungen deutsch- und hebräischsprachiger Literatur promoviert. Er war langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Germanistik der Universität Hamburg und ist gegenwärtig Moritz Stern Postdoctoral Research Fellow für Modern Jewish Studies am Lichtenberg-Kolleg der Georg-August-Universität Göttingen, wo er zu Rache(fantasien) in jüdischen Literaturen nach der Shoah arbeitet.

Dr. Jara Schmidt & Dr. Jule Thiemann (Universität Hamburg):
»›Sie gehen spazieren, als Zeichen des Protests.‹ Weibliche Flanerie als Countermovement«

Im September 2018 twitterte die Aktivistin Danielle Muscato die an die weibliche Bevölkerung gerichtete Frage: »What would you do if all men had a 9 p.m. curfew?« und versah diesen Tweet mit den Hashtags #privilege und #feminism. Die Resonanz war riesig und die Antworten waren meist auf tragische Weise basal: Eine immer wieder geäußerte Sehnsucht war die nach der Möglichkeit, im Dunklen alleine spazieren gehen zu können – vielleicht sogar mit Kopfhörern und ohne Schlüssel zwischen den Fingern; eine nächtliche Flanerie also, die frei ist von einem Lauschen auf Bedrohungen und ohne die ständige Bereitschaft zur Selbstverteidigung. Da von der eingeschränkten Bewegungsfreiheit nicht nur cisgender Frauen, sondern auch gendernonkonforme, nicht-binäre und transgender Personen betroffen sind – somit alle, die von anderen nicht eindeutig als männlich gelesen werden –, ist über die Hälfte der Weltbevölkerung in ihrer gesellschaftlichen Partizipation schon allein dadurch eingeschränkt, dass sie sich die Welt räumlich nicht frei erschließen kann.
Literarisch widmet sich dieser Thematik der ›weiblichen Flanerie‹ und ihrer Restriktionen die Essaysammlung Flexen. Flâneusen* schreiben Städte, die 2019 von Özlem Özgül Dündar et al. herausgegeben wurde. Das Sternchen im Titel deutet bereits darauf hin, dass in den insgesamt 30 Essays keine binär gedachte Perspektivierung eingenommen wird, sondern queere Genderidentitäten stets eingeschlossen und auch literarisch abgebildet werden. Ferner geht es nicht nur darum, Frauen* im Kontext der Flanerie von beobachteten Objekten zu beobachtenden Subjekten zu machen, sondern auch den Betrachtungen marginalisierter migrantischer Flâneusen* Raum zu geben bzw. diese sich literarisch Räume erschließen zu lassen. Anhand einiger ausgewählter Essays aus dem Band Flexen widmet sich der Vortrag der ›weiblichen Flanerie‹ als neuer literarischer Tradition, in der die Figur der Flâneuse* gesellschaftliche Partizipation einfordert und dabei auf zahlreiche Restriktionen sowie Gefahren verweist. 

Jara Schmidt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Hamburg. Nach einem Studium der Anglistik, Germanistik und Neueren Geschichte promovierte sie in der Interkulturellen Literaturwissenschaft mit der Arbeit Literarische Narreteien. Karnevaleske Strategien in deutsch- und englischsprachigen Migrationsromanen der Gegenwart (Würzburg 2019). Lehr- und Forschungsaufenthalte führten sie an die University of Mumbai und Istanbul Universität. Forschungsschwerpunkte: Interkulturelle Literaturwissenschaft; Postmigration; Postkoloniale Diskurse in Literatur und Kultur; Gender Studies; Queer Studies.

Jule Thiemann ist angebunden an die Arbeitsstelle Interkulturelle Literatur- und Medienwissenschaft der Universität Hamburg. Nach einem Studium der Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg und der Victoria University Wellington, Neuseeland, absolvierte sie eine Doppelpromotion (Joint PhD, 2019) an der Universität Hamburg und der Macquarie University Sydney, Australien, zu Postmigration und Flanerie in der Gegenwartsliteratur. Sie ist Trägerin des Excellence of Research Scholarship der Macquarie University Sydney und war bis zuletzt langjährige Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Universität Hamburg.

Dr. Lisa Wille (Technische Universität Darmstadt):
»Die ›neue soziale Frage‹ im gegenwartsliterarischen Diskurs. Prekariatsrepräsentationen aus intersektionaler Sicht«

Die Frage nach der Beschaffenheit unserer heutigen Gesellschaft wirft den Blick auf jene Schicht, die zunehmend wächst und zugleich ökonomisch und sozial an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird: Die Rede ist vom Prekariat, das primär im Zuge der Liberalisierung des Arbeitsmarktes in den 1990er-Jahren aufkam. Anders als das einstige Proletariat schließt sich dieses nicht zusammen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen; auch fehlt ein Sinn und Identität stiftendes Schlagwort wie zuvor Solidarität. Stattdessen besteht das neoliberal geprägte Prekariat vorwiegend aus Einzelkämpfer*innen und Konkurrent*innen. Gemein sind dieser Schicht, die als neue ausgebeutete Klasse bezeichnet wird, Parameter der Selbstausbeutung, Zukunftsangst und der zentrale Wunsch nach stabilen Verhältnissen. Die Gefahr der Prekarisierung trifft jedoch nicht alle Menschen gleich, vielmehr muss dieser Bereich intersektional erschlossen werden: Kategorien wie gender, race, class, Religion, disability, Herkunft und Alter spielen eine zentrale Rolle, wenn es um die Frage geht, wer sich in prekären Ungleichheitsstrukturen wiederfindet und wer nicht.
Die Frage nach den Auswirkungen sozialer Prekarität und deren diskursiven Bezügen lässt die Literatur als jenen Ort erkennen, an dem strukturelle Ungleichheit und soziale Unterdrückung aufgezeigt, reflektiert und erfahrbar gemacht werden. In diesem Kontext richtet sich der Blick auf die Gegenwartsliteratur und die Texte von etwa Terézia Mora, Selim Özdogan, Kathrin Röggla, Jens Eisel oder Marlene Streeruwitz, die mit den Geschichten über prekäre Verhältnisse, soziale Ausgrenzung und ökonomische Existenzangst wesentlich zur Diskussion um eine ›neue soziale Frage‹ und gesellschaftliche Verantwortung beitragen.
Im Vortrag sollen mithilfe eines intersektionalen Ansatzes, der das Zusammenspiel von multiplen, nicht hierarchisch angeordneten Analysekategorien betrachtet, verschiedene Repräsentationen sozialer Prekarität in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ausgeleuchtet werden. Dabei ist zu diskutieren, inwiefern die Thematisierung sozialer Prekarität als ›Reclaiming‹ des gegenwartsliterarischen Diskurses verstanden werden kann. Denn die alte Frage nach dem sozialpolitischen Engagement, nach einer ›Re-Politisierung‹ der Gegenwartsliteratur, ist in unruhigen Zeiten, in denen Rechtspopulist*innen sowie der Ruf nach einer wiederaufblühenden konservativen Kultur zunehmend Gewicht und Gehör erhalten, hochaktuell.

Lisa Wille: Magisterstudium der Germanistik, Kunstwissenschaft und Philosophie sowie Bachelorstudium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Kassel. Seit 2015 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft, Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft, an der Technischen Universität Darmstadt. Promotion (Dr. phil.) 2019 mit der Arbeit Zwischen Autonomie und Heteronomie. Bürgerliche Identitätsproblematik in Heinrich Leopold Wagners dramatischem Werk (erscheint demnächst bei Königshausen & Neumann). Weitere Publikationen u.a. zu #metoo, Intersektionalität und Disability sowie Geschlechterkonstruktionen in Twilight und Shades of Grey. Weitere Forschungsinteressen sind neben der Literatur des 18. Jahrhunderts die Literaturtheorien sowie die Literaturwissenschaft im Kontext von Kultur, Gender und Ökonomie. Darüber hinaus seit 2016 dezentrale Gleichstellungsbeauftragte am FB 2 der TU Darmstadt sowie Organisation und Moderation feministischer Lesungen (Margarete Stokowski 2019; Anne Wizorek 2017).

Prof. Dr. Erol Yildiz (Universität Innsbruck) – Keynote:
»Postmigrantische Visionen«

Die postmigrantische Perspektive ist kein Ansatz im klassischen Sinn. Vielmehr handelt es sich um eine offene Idee, die eine gewisse Richtung signalisiert – und zwar eine kontrapunktische Lesart, aus der historische Entwicklungen und gegenwärtige soziale Verhältnisse neu interpretiert werden. Dieser grundlegende Perspektivwechsel verweist auf einen Bruch mit dem konventionellen Migrationsdiskurs und ermöglicht uns, gesellschaftliche Entwicklungen anders zu sehen, neue Denkhaltungen einzunehmen und auf diese Weise eine andere Topographie des Möglichen zu entwerfen. Dahinter steht zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Wissensproduktion, eine Revision dessen, was bisher erzählt und was ignoriert bzw. ausgelassen wurde. Erst wenn eingespielte Denkmuster überwunden werden, kann das gesamte Feld, in welches der Migrationsdiskurs eingebettet ist, neu gedacht werden, so hier die These. In diesem Sinne handelt es sich um eine erkenntnistheoretische Wende, einen Bruch mit der Trennung zwischen Migrant*in und Nichtmigrant*in, Migration und Sesshaftigkeit. Die Idee des Postmigrantischen ist visionär, weil sie an der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse festhält, weil sie die Stimme der Migration präsentiert, bisher ausgeblendete, marginalisierte Geschichten und Wissensarten sichtbar macht und weil sie irritierend auf nationale Erzählungen wirkt.

Erol Yildiz studierte Pädagogik, Soziologie und Psychologie an der Universität zu Köln. Er wurde 1996 im Fach Soziologie promoviert. 2005 habilitierte sich Erol Yildiz an der Universität zu Köln für das Fach Soziologie, war Gastprofessor in München, Graz, Wien und hatte Vertretungsprofessuren in Hamburg und Köln. Erol Yildiz war von 2008-2014 Professor für den Schwerpunkt »Interkulturelle Bildung« an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seit März 2014 ist er Professor für den Lehr- und Forschungsbereich »Migration und Bildung« an der Universität Innsbruck. Forschungsschwerpunkte: Postmigrantische Studien, Migration, Urbanität, Vielheit. Ausgewählte Publikationen: Die weltoffene Stadt. Wie Migration Globalisierung zum urbanen Alltag macht, Bielefeld 2013; Nach der Migration. Postmigrantische Perspektiven jenseits der Parallelgesellschaft, Bielefeld 2015 (hrsg. mit Marc Hill); Postmigrantische Visionen. Erfahrungen – Ideen – Reflexionen, Bielefeld 2018 (hrsg. mit Marc Hill).

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